Wasserschloss Angern
Das Wasserschloss Angern wurde 1736 im Auftrag von Christoph Daniel v.d. Schulenburg im Rokoko-Stil erbaut und 1843 klassizistisch umformt.

Chambre im 18. Jahrhundert

Der sogenannte „Raum rechter Hand des Saals“ („wo Seine Exzellenz Christoph Daniel von der Schulenburgs logieren“) bildete um 1750 gemeinsam mit dem angrenzenden Kabinett und der Polterkammer das persönliche Appartement des Generals und vereinte auf bemerkenswert verdichtetem Raum Wohnen, Arbeiten, Repräsentieren und Sammeln. Dieses dreigliedrige Ensemble erfüllte sowohl intime als auch öffentliche Funktionen und spiegelte damit das barocke Ideal eines durch Stil, Funktion und Status klar gegliederten Lebensraums. Die Inventaraufnahme von 1752 ermöglicht eine detailgenaue Rekonstruktion und macht den Raum zu einem ausgesprochen seltenen und dichten Zeugnis adeliger Wohnkultur im mitteldeutschen Raum um die Mitte des 18. Jahrhunderts – geprägt von französischer Schlafkultur, höfischer Loyalität, militärischer Identität und aufklärerischer Bildung.

Der Raum stellt ein hochrangiges Beispiel barocker Wohn- und Repräsentationskultur im mitteldeutschen Adel dar. Seine Ausstattung dokumentiert die Synthese aus französisch beeinflusster Schlafkultur (Bett á la Duchesse), diplomatischer Bildpolitik (Porträts des Hauses Savoyen) und materieller Pracht (Damast, Brocadell, Zitz, Taft). Die Verbindung von militärischem Selbstbild, konfessioneller Frömmigkeit und höfischer Loyalität spiegelt sich in der ikonographischen und stofflichen Ausstattung. Als Teil eines dreigliedrigen Raumensembles diente der Raum nicht nur als Rückzugsort, sondern auch als Ort performativer Identitätsbildung im Sinne barocker Selbstdarstellung. Die vollständige Inventarisierung macht ihn zu einer exemplarischen Quelle zur Erforschung adliger Lebenswelten im Alten Reich um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Das General-Inventarium von 1752 dokumentiert die Ausstattung des Raums im Detail:

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KI-generierte Ansicht des Raums um 1745

Wandgestaltung 

Die Wände waren mit grünem Damast tapeziert – ein Zeichen hoher Qualität, denn Damast galt als luxuriöses Gewebe mit changierender Musterung. In einer Ecke fanden sich zusätzlich drei Bahnen grünem Brocadell, einem noch edleren Stoff mit gold- oder silberdurchwirkten Mustern, der gewöhnlich Prunkräumen vorbehalten war. Diese textile Raumauskleidung verlieh dem Zimmer eine schimmernde Tiefe und stand für barocke Repräsentationsästhetik auf hohem Niveau.

Wandfassung

Ein direkter materieller Beleg für die textile Auskleidung der chambre liegt derzeit nicht vor. Für die Chambre lässt sich jedoch aus dem Vergleich mit dieser Befundstelle, dem bauzeitlichen Raumgefüge und den stilistischen Analogien zu bekannten Appartements des Adels(z. B. in Schloss Mosigkau oder Schloss Ettersburg) auf eine gleichartige Technik schließen. Eine Rekonstruktion erfolgt durch das im Appartment (Polterkammer) gefundenen späteren Papiertapete (siehe Befund: Frühe Papiertapete in der Polterkammer).

Rekonstruktion Leinentapete Angern

Die grüne Damastbespannung in Kombination mit goldenen Leisten, weißen Stuckabschlüssen und textiler Fensterdrapierung verweist auf eine harmonisch gegliederte Raumfassung im Sinne der französisch geprägten Régence-Stilistik, wie sie im mitteldeutschen Adel seit den 1730er Jahren nachweisbar ist.

  • 20 Bahnen grün damasten Tapeten: Wahrscheinlich textile oder leinenbasierte Wandbespannungen mit damastartiger Musterwirkung in grüner Farbgebung. Solche Tapeten imitierten kostbare Damastgewebe und gehörten zu den repräsentativen Ausstattungsformen adeliger Wohnräume des 18. Jahrhunderts.
  • 3 Bahnen grün Brocadell in der Ecke: Vermutlich besonders aufwendig gestaltete textile Bespannungen mit brokatähnlicher Ornamentik. Der Begriff „Brocadell“ verweist auf eine an kostbaren Brokatstoffen orientierte Material- und Musterwirkung und deutet auf die repräsentative Hervorhebung eines Raumbereichs hin.

Das Bett “à la Duchesse” mit Feldbett darunter – Ausstattung eines adligen Generals um 1750

In dem repräsentativen Chambre befand sich ein sogenanntes Bett „à la Duchesse“, eine besonders elegante Form des Himmelbetts aus der Barock- und Rokokozeit. Es handelt sich dabei um ein an der Wand befestigtes Bett mit einem einseitig hängenden Baldachin (Duchesse en impériale), der – anders als bei frei stehenden Himmelbetten – eine eher leichte, raumöffnende Wirkung hatte. Dieses Bett war mit grünem Damast bezogen, einem hochwertigen, seidig glänzenden Gewebe mit eingewebtem Muster – ein Zeichen von Stand und modischem Geschmack des mittleren 18. Jahrhunderts. Es war mit gelben Fransen und Schnüren geschmückt, die als textile Applikationen nicht nur zierende, sondern auch strukturierende Funktion übernahmen. Der Bassemens, also das untere Gestell oder der Unterbau, bildete den formalen Abschluss dieser repräsentativen Schlafstatt.

Doch das eigentliche Schlafmöbel befand sich unter dem Himmel verborgen: ein Feldbett, wie es von Offizieren in Feldlagern verwendet wurde – hier jedoch für den privaten Gebrauch umfunktioniert. Es stand sinnbildlich für die militärische Disziplin und Mobilitätsgewohnheit Seiner Exzellenz, Christoph Daniel von der Schulenburg, General im sardischen und preußischen Dienst. Es handelte sich wahrscheinlich um ein klappbares Hartholzgestell mit Leinwandauflage, ausgestattet mit zwei Matratzen, Cattalonier Decken, einem gestreiften Barchent-Federbett und drei kleinen Kissen. Der Bezug aus geblümtem Zitz und die Fütterung mit gelbem Taft spiegeln den Rokoko-Stil ebenso wie die persönliche Vertrautheit mit dem Objekt wider – vermutlich stammte es aus Schulenburgs Feldzügen.

Diese Kombination aus dekorativer Schauseite und praktischer Nutzung ist typisch für das 18. Jahrhundert, in dem sich der Lebensstil des aufgeklärten Adels zunehmend durch eine enge Verbindung von Amtsführung, Funktionalität und Repräsentation auszeichnete. Feldbetten waren für Offiziere und Adelige mit militärischer Prägung wie Schulenburg nicht nur auf Reisen oder im Feld üblich, sondern auch Symbol für persönliche Disziplin und Wehrhaftigkeit im Alltag. Dass ein General trotz prächtiger Schlafstatt freiwillig auf einem Feldbett ruhte, verweist auf eine Form militärischer Selbststilisierung, wie sie in der preußischen und sardischen Offizierskultur des 18. Jahrhunderts hoch geschätzt wurde. Gleichzeitig belegt der aufwendige Bezug des Feldbetts mit Zitz und Taft, dass selbst das Funktionale im Rokoko eine gewisse Zierlichkeit und Eleganz zu bewahren hatte – ganz im Sinne einer Ästhetik, die Nützlichkeit und Schönheit zu verbinden suchte.

Vorhänge und Möbel

  • 4 grün und weiß gestreifte Gardinen mit ihren Falballas: Falballas sind dekorative Stoffvolants oder Rüschen, die Vorhänge verzieren.
  • 2 nußbaumen Ecktische (stehen itzo im Cabinet): Kleine Ecktische aus Nussbaumholz, die momentan in einem Nebenraum stehen.
  • 1 nußbaumen Tisch untern Spiegel: Ein zusätzlicher Tisch aus Nussbaumholz, möglicherweise eine Konsole unter einem Wandspiegel.
  • 1 ordinärer Tisch mit grüner Wachsleinwand: Ein einfacher Tisch mit gewachster Leinwandbespannung – pflegeleicht und robust.
  • 1 ovaler Spiegel mit einem nußbaumen Rahmen: Ein Spiegel mit ovalem Holzrahmen, wertvoll, da Spiegel damals teuer waren.
  • 2 Fauteuils mit ausgenähten Überzügen: Fauteuils sind gepolsterte Lehnstühle. Ausgenähte Überzüge könnten bestickte oder wattierte Bezüge bedeuten.
  • 6 ordinäre Stühle mit damasten Überzug, mit gelben Fransen garnieret: Schlichte Stühle mit Damaststoff und dekorativen Fransen.
  • 1 Schlafstuhl mit seiner Maderatzen und 2-mal mit buntem Kattun überzogen: Ein Schlafstuhl (wohl eine Art Klappstuhl) mit Matratze und zwei Schichten Kattun (bedruckte Baumwolle).
  • 1 apartes haarenes Kissen mit rotem Kattunüberzug: Ein spezielles Kopfkissen mit Rosshaarfüllung und rotem Bezug aus Kattun.

Gemälde

Besonders aufschlussreich ist die Wanddekoration. Drei Supraporten mit floralen Motiven (3 Surporten oder Schilderei Stück von Blumenwerk) wurden ergänzt durch eine Serie von Portraits sardischer Monarchen: Victor Amadeus II., Karl Emanuel III., dessen Gemahlinnen, der Kronprinz und die Kronprinzessin sowie der Herzog von Chablais. Diese Porträts verweisen auf Christoph Daniels Dienst als General im Königreich Sardinien und seine enge Bindung an den Hof. Der Raum inszenierte so nicht nur den sozialen Status des Bewohners, sondern auch seine diplomatische Loyalität und militärische Identität. Ein gesticktes Seidenbild der Himmelfahrt Christi vervollständigte die symbolische Ausstattung mit einem religiös aufgeladenen Element.

Möbel

Der Raum war zugleich Wohn- und Arbeitszimmer. Ein ovaler Spiegel mit Nussbaumrahmen, ein Schreibpult, ein Portefeuille, ein Porzellanwaschbecken und eine italienische Messinglampe belegen die multifunktionale Nutzung. Zwei Fauteuils, sechs damastbezogene Stühle, ein Schlafstuhl und mehrere kleine Tische bildeten eine flexible Sitz- und Arbeitszone. Die Stoffüberzüge mit gelben Fransen sowie die mit Kattun und Taft gearbeiteten Textilien spiegeln den hohen Aufwand in der textilen Ausstattung wider.

  • Ein Porzellan-Waschbecken mit 1 Tischen darunter: Waschbecken aus feinem Porzellan, luxuriös für die Zeit.
  • 1 klein weißer Leuchter auf dem Schreibtisch: Ein kleiner weißer Leuchter, wahrscheinlich aus Keramik oder Metall, für Kerzen.
  • 1 italienische messingene Lampe: Eine wertvolle Messinglampe, möglicherweise eine Öllampe.
  • 1 Pulpet, Bücher aufzulegen: Ein Pult oder Buchständer für bequemes Lesen.
  • 1 Portefeuille: Eine Mappe oder Dokumentenmappe zur Aufbewahrung von Schriftstücken.
  • 1 kleiner Nachttisch: Ein kleiner Beistelltisch neben dem Bett.
  • 1 Pendule, worunter fourniertes nußbaumen Postament: Eine Pendule (Tischuhr) auf einem furnierten Nussbaum-Sockel.

Der Zugang vom Gartensaal – Architektur, Nähe und Repräsentation

Der zweite Zugang zum Appartement Christoph Daniel von der Schulenburgs vom Gartensaal aus ist nicht nur architektonisch, sondern auch sozialräumlich von besonderer Bedeutung. Er verankert das Appartement innerhalb der barocken Enfiladestruktur, einer auf Sichtachsen und Raumfolgen beruhenden Bauform, die Repräsentation, Bewegung und soziale Ordnung miteinander verknüpft. Der direkte Durchgang aus dem Gartensaal ermöglichte eine fließende Verbindung zwischen öffentlichem Zeremoniell und privatem Rückzug, ohne den Umweg über das Vestibül oder dienende Zonen nehmen zu müssen. Christoph Daniel konnte so Gäste unmittelbar „aus dem Gespräch heraus“ in sein persönliches Appartement führen – etwa zu vertraulichen Gesprächen oder informellen Beratungen.

Dieser Zugang hatte zugleich eine soziale Signalwirkung: Während der Weg über die Antichambre einem formellen Besuchsprotokoll folgte, stellte der Zugang über den Gartensaal eine Form privilegierten Eintritts dar – vorbehalten engen Vertrauten, Familienmitgliedern oder besonders hochgestellten Gästen. Die Raumstruktur erlaubte es also, Nähe und Distanz gezielt zu steuern und den Zugang zur Person des Hausherrn differenziert zu regulieren. Zugleich war der Gartensaal als lichtdurchfluteter Raum mit Blick in den barocken Garten ein Ort des kontrollierten Naturbezugs, ein Scharnier zwischen Innen und Außen, zwischen Repräsentation und Kontemplation. Der direkte Zugang vom Saal ins Appartement stellte daher auch eine symbolische Verbindung zwischen der öffentlich sichtbaren Rolle und dem intellektuellen Selbstentwurf Christoph Daniels her: Vom Raum der Geselligkeit konnte er sich unmittelbar in Bibliothek, Kabinett oder Sammlungsräume zurückziehen – in jene Sphäre der Reflexion, die barocke Adelige bewusst inszenierten.

In seiner Gesamtheit verweist der Zugang vom Gartensaal somit auf eine architektonisch kodierte Nähe-Distanz-Ordnung, die exemplarisch für die barocke Raumpolitik ist. Das Appartement wird dadurch nicht nur als funktionale Wohneinheit, sondern als sozial und symbolisch gesteuerte Struktur lesbar – mit einem regulierten, repräsentativ legitimierten und zugleich persönlich kontrollierten Zugang zur Person des Hausherrn.

Vom barocken Chambre zum Herrensalon des 19. Jahrhunderts

Der Wandel vom barocken Chambre des 18. Jahrhunderts zum späteren Herrensalon des 19. Jahrhunderts verdeutlicht die tiefgreifende Veränderung adeliger Wohn- und Repräsentationskultur in Schloss Angern. Während das Chambre noch Teil eines höfisch geprägten Appartementsystems war und als halbprivater Raum zwischen Schlafgemach, Arbeitszimmer und repräsentativem Empfangsraum fungierte, entwickelte sich der spätere Herrensalon zu einem stärker bürgerlich beeinflussten Wohn- und Gesellschaftsraum.

Mit dem Rückgang barocker Zeremonialkultur verloren streng hierarchisierte Raumfolgen und höfische Funktionszuweisungen zunehmend an Bedeutung. An ihre Stelle trat im 19. Jahrhundert eine stärker auf Komfort, Geselligkeit und private Repräsentation ausgerichtete Wohnkultur. Gleichwohl blieben wesentliche Elemente adeliger Selbstdarstellung erhalten. Jagdtrophäen, historische Gemälde, repräsentative Möbel und kunstvolle Wandbespannungen bewahrten weiterhin die symbolische Präsenz von Rang, Bildung und Familiengeschichte.

Der Raum dokumentiert damit nicht nur stilistische Veränderungen zwischen Barock, Klassizismus und Historismus, sondern zugleich den Wandel adeliger Lebensformen zwischen höfischer Appartementskultur und bürgerlich geprägtem Herrensalon des 19. Jahrhunderts.

Der Herrensalon im 19. Jahrhundert

Der Raum präsentiert sich als eleganter Salon des späten 19. Jahrhunderts, geprägt von einer warmen, repräsentativen Atmosphäre. Die Wände sind mit einer prachtvollen, (vermutlich) weinroten Damasttapete im großformatigen Palmettenmuster bespannt, die dem Interieur Tiefe und historische Würde verleiht. Ein klassizistischer, cremefarbener Kachelofen mit ornamentalem Fries und antikisierender Schale auf dem Gesims dominiert die Ecke des Raumes.

Die Möblierung besteht aus aufwendig gearbeiteten Sitzmöbeln im Stil der Neorenaissance mit (vermutlich) Polstern und kunstvoll geschnitzten Lehnen, die um einen massiven Holztisch gruppiert sind. Ergänzt wird das Interieur durch eine Reihe gerahmter Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts und einer Ruinenvedute (siehe auch das Supraportenprogramm der barocken Erstausstattung), deren zentral platzierter Obelisk eine Verbindung zur antikisierenden Raumgestaltung schafft.

Die im Salon an der rechten Wand platzierte Wanduhr stammt vermutlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit ihrem reich verzierten Holzgehäuse, dem runden Zifferblatt und der ornamentalen Bekrönung vereint sie Funktionalität mit repräsentativer Gestaltung. Stilistisch lässt sie sich dem Übergang vom Spätbiedermeier zum Frühhistorismus zuordnen.

Der Boden ist mit einem aufwendig gearbeiteten Tafelparkett ausgelegt, dessen geometrische Kassettenstruktur den repräsentativen Charakter des Raumes unterstreicht und stilistisch mit der feingliedrigen Wandgestaltung korrespondiert.

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Der Herrensalon (KI colorierte Aufnahme Anfang des 20. Jahrhunderts)

Der Raum heute

Der Raum heute ist schlicht dekoriert mit Ölgemälden der Hugenottenfamilie v. François, der Familie der Mutter von Alexander von der Schulenburg. Die Familie v. François hat ihre Wurzeln in der Normandie und lässt sich bis zu François en Bugey Nico François, Seigneur des Alimes, um 1354 zurückverfolgen. Als Hugenotten wurden sie ab 1530 aufgrund ihres protestantischen Glaubens verfolgt, was nach 1685 zu einer Fluchtwelle führte. Im Edikt von Potsdam gewährte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg ihnen Asyl. 1689 ließ sich der Tuchfabrikant Nicolas le François in Cölln (heute Berlin) nieder und zog 1699 nach Frankfurt/Oder. Sein Nachfahre, August Karl von François, erhielt 1744 eine Adelserneuerung durch Kaiser Joseph II. Bruno Hugo Karl Friedrich von François (1818–1870), ein preußischer Generalmajor, war ein direkter Nachfahre dieser Linie. Er fiel 1870 in der Schlacht bei Spichern. Seine Söhne setzten die militärische Tradition fort:

  • Curt Karl Bruno von François (1852–1931): Ein bedeutender Kartograph und Forschungsreisender, der als Major und Landeshauptmann in Deutsch-Südwestafrika diente. 
  • Hermann Karl Bruno von François (1856–1933): Ein preußischer General der Infanterie im Ersten Weltkrieg. 
  • Hugo von François (1861–1904): Hauptmann, der während der Kämpfe gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika fiel. 
Ansicht des Herrensalons im Schloss Angern

Der Raum im Schloss Angern heute

In jedem Jahrhundert erlebt die Familie von der Schulenburg und das Haus in Angern bedeutende Veränderungen, doch sie lassen sich nie entmutigen – immer wieder gelingt ein entschlossener Neuanfang gemäß dem Leitsatz "Halte fest was Dir vertraut". Bis 11. Jahrhundert , 12. Jahrhundert , 13. Jahrhundert , 14. Jahrhundert , 15. Jahrhundert , 16. Jahrhundert , 17. Jahrhundert , 18. Jahrhundert , 19. Jahrhundert , 20. Jahrhundert , 21. Jahrhundert .
Schloss Angern in der Altmark dokumentiert in besonderer Weise die Entwicklung adeliger Bau- und Lebensformen vom Spätmittelalter bis in das 19. Jahrhundert. Die Anlage ging aus einer um 1340 entstandenen Wasserburg hervor, wurde ab 1738 unter Christoph Daniel von der Schulenburg (1679-1763) zu einem barocken Gutsschloss ausgebaut und um 1845 unter Edo Friedrich Christoph Daniel (1816-1904) klassizistisch überformt. Hauptburginsel (Kernburg) der Burg Angern , Die Turminsel der Burg um 1350 , Vorburg der , erhaltene Tonnengewölbe im Palas , barocke Raumfolgen und klassizistische Fassadengestaltung bilden ein vielschichtiges Ensemble, in dem Wehrfunktion, gutsherrliche Repräsentation, Verwaltung und Wohnkultur räumlich ablesbar bleiben.
Die Nutzung des ab 1738 neu errichteten Herrenhauses in Angern unter General Christoph Daniel von der Schulenburg lässt sich im Kontext mitteldeutscher Adelsresidenzen des 18. Jahrhunderts als charakteristisches Beispiel barocker Gutshausarchitektur interpretieren. Das Schloss erfüllte nicht allein praktische Wohn- und Wirtschaftsaufgaben, sondern fungierte zugleich als räumlich inszenierter Ausdruck adeliger Herrschaft, sozialer Ordnung, dynastischer Erinnerung und international geprägter Hofkultur. Das General-Inventarium von 1752, angelegt auf Befehl Christoph Daniels, erlaubt eine außergewöhnlich genaue Annäherung an die innere Struktur des Hauses. Es dokumentiert nicht nur Möbel, Textilien, Gemälde, Silber, Waffen, Bücher und Hausgerät, sondern auch die funktionale Ordnung der Räume. Dadurch wird erkennbar, dass das Schloss in Bereiche der Wohnnutzung , herrschaftlichen Verwaltung , Repräsentation , Sammlungspräsentation , Hauswirtschaft und dynastischen Memorialkultur gegliedert war. Rekonstruktion des Raumes links neben dem Gartensaal um 1750
Die bauliche Umgestaltung des Herrenhauses in Angern in den Jahren um 1843 markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Nutzung und Raumordnung des Hauses. Unter den Nachfahren des Generals Christoph Daniel von der Schulenburg wurde das barocke Erscheinungsbild durch klassizistische Elemente überformt, die sich sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der Raumgliederung widerspiegeln.Es dominierte eine hell verputzte Fassade und eine vereinfachte Tür- und Fensterrahmung. Diese Elemente spiegeln die Orientierung am Ideal der "edlen Einfachheit" wider, wie sie seit Winckelmann als Leitbild klassizistischer Baukunst galt. Dieser Umbau ist im Kontext der Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts als Ausdruck einer funktionalen Anpassung und bürgerlich geprägten Repräsentationskultur zu verstehen. Der Raum links neben dem Gartensaal Anfang des 20. Jahrhunderts (KI coloriert)
Die kulturhistorische Bedeutung von Schloss und Burg Angern erschließt sich nicht allein aus einzelnen Kunstwerken, Möbeln oder Baubefunden, sondern vor allem aus dem außergewöhnlich dichten Zusammenhang zwischen Architektur, Raumstruktur, Landschaft, Nutzungsgeschichte, archivalischer Überlieferung und historischer Ausstattung. Die Anlage besitzt ihre besondere Aussagekraft gerade dadurch, dass zahlreiche dieser Ebenen bis heute miteinander in Beziehung stehen und gemeinsam ausgewertet werden können.
Ein Bau im Schatten der Mängel: Der Schlossneubau in Angern 1737–1739 als Spiegel barocker Baupraxis: Der barocke Neubau des Schlosses Angern in den Jahren 1737 bis 1739 stellt ein instruktives Beispiel für die Spannungsfelder adeliger Repräsentation, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und administrativer Kontrolle im 18. Jahrhundert dar. Die erhaltenen Berichte von Oberamtmann Croon an Christoph Daniel von der Schulenburg (Rep. H Angern Nr. 336) erlauben eine detailreiche Rekonstruktion des Baugeschehens, die sowohl Planungs- und Ausführungsmängel als auch die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen offenlegen. KI generierte Ansicht von Schloss Angern um 1750
Vom höfischen Tableau zur rationalisierten Wohnwelt: Die Wohn- und Funktionsräume des Schlosses Angern spiegeln in exemplarischer Weise den sozialen und kulturellen Wandel des Adels im langen 18. Jahrhundert wider. Zwischen dem Rokoko-inspirierten Repräsentationskonzept unter General Christoph Daniel von der Schulenburg (†1763), der verwaltungstechnisch durchrationalisierten Ordnung unter Friedrich Christoph Daniel (†1821) und dem klassizistischen Umbau unter Edo von der Schulenburg (ab 1841) lassen sich klare strukturelle und ästhetische Entwicklungslinien feststellen. Die verfügbaren Inventare von 1752 (Rep. H 76) und 1821 (Rep. H 79) sowie die bau- und kulturgeschichtliche Beschreibung um 1845 erlauben eine vergleichende Analyse der sich wandelnden Raumfunktionen.
Im Zuge der stockenden Bauarbeiten am Schloss Angern im Herbst 1737 zeichnete sich ein wachsender Finanzierungsbedarf ab, den Christoph Daniel Freiherr von der Schulenburg nicht ausschließlich aus eigenen Rücklagen decken konnte. In einem Schreiben vom 16. Oktober 1737 (Gutsarchiv Angern, Rep. H Angern Nr. 412, Nr. 2) ersuchte sein Verwalter Croon den Bauherrn um die Zuweisung von weiteren 100 Louis d’or, um ausstehende Zahlungen an Handwerker zu begleichen und Materialvorräte für den Frühjahrsbeginn 1738 anzulegen.
Angern

Angern, Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Heft 20, Berlin 2023 (ISBN: 978-3-910447-06-6).
Alexander Graf von der Schulenburg, Klaus-Henning von Krosigk, Sibylle Badstübner-Gröger.
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft e.V.
Umfang: 36 Seiten, 59 Abbildungen.