Wasserschloss Angern
Das Wasserschloss Angern wurde 1736 im Auftrag von Christoph Daniel v.d. Schulenburg im Rokoko-Stil erbaut und 1843 klassizistisch umformt.

Kuno Wilhelm Christoph Daniel Graf von der Schulenburg (* 1923 in Magdeburg, † 1987 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist und Mitglied der XXI. Generation der Familie von der Schulenburg. Kuno Wilhelm wurde als einziger Sohn von Sigurd-Wilhelm Graf von der Schulenburg geboren.1

Ausbildung und Karriere

Kuno besuchte das Gymnasium in Stendal sowie die Klosterschule Roßleben.2 Nach dem Kriegseinsatz von 1942 bis 1945 und der Vertreibung seiner Familie aus Angern im Zuge der Bodenreform im Januar 1946 absolvierte er 1948 in Lemgo/Lippe das Abitur.3

  • Bis 1953 war er auf verschiedenen land- und forstwirtschaftlichen Betrieben als Eleve und Verwalter tätig.4
  • Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen, wo er Mitglied des Corps Saxonia war.5
  • 1958 wurde er Referendar und legte 1964 das Assessorexamen ab. Während dieser Zeit war er unter anderem beim Amtsgericht Osterode/Harz, bei der Staatsanwaltschaft Augsburg sowie bei der Regierung Hannover tätig.6
  • Im November 1965 trat er in den Staatsdienst beim Bundesamt für Ernährung und Forstwirtschaft in Frankfurt am Main ein. 1968 wurde er zum Regierungsrat, 1971 zum Oberregierungsrat und später zum leitenden Regierungsdirektor befördert.7
  • Seit 1971 war er beim Bundesausgleichsamt in Bad Homburg vor der Höhe tätig.8
Kuno Wilhelm Christoph Daniel Graf von der Schulenburg
Abb. 1: Kuno Wilhelm Christoph Daniel Graf von der Schulenburg.

Nachkriegszeit

Kuno befand sich bis Ende September 1945 in Kriegsgefangenschaft beziehungsweise außerhalb der sowjetischen Besatzungszone.9 Seine Rückkehr wurde von der Familie mit Sorge erwartet. Am 24. August 1945 konnte er telefonisch Kontakt aufnehmen und kündigte seine baldige Heimkehr an. Am 27. August feierte die Familie seinen 22. Geburtstag in seiner Abwesenheit. Kurz darauf traf Kuno in Angern ein. Er war körperlich unversehrt geblieben und unterstützte seinen Vater in den folgenden Wochen in allen Bereichen des Betriebs.10

Am 10. Oktober 1945, dem Tag der offiziellen Enteignung des Gutes Angern durch die sowjetisch gestützte Verwaltung der Provinz Sachsen, befand sich Kuno gemeinsam mit seinem Vater in Stendal. Die Verkündung der Enteignung durch kommunistische Funktionäre erfolgte während ihrer Abwesenheit, was im Tagebuch dokumentiert wird. Die Familie durfte „vorläufig als Gäste“ im Schloss verbleiben.11

Aus dem Tagebuch Sigurd-Wilhelms von der Schulenburg: „Am 10. Oktober – dem Tag, an dem man uns feierlich und mit eisiger Miene verkündete, dass wir ‚enteignet‘ seien und ‚keinerlei Anrechte mehr‘ hätten – war es Kuno, der an meiner Seite war. Gemeinsam waren wir an diesem Tag in Stendal, um Zigarren bei einem Kameraden abzuholen – eine letzte kleine Geste eines verlorenen Herrenstandes. Dass wir genau in diesem Moment nicht zu Hause waren, schien wie ein symbolischer Abschied von einer Welt, die unwiederbringlich verloren ging.“12

Geschwister

Sigrid, die ältere Schwester, wird in späteren Aufzeichnungen (ab 1950) als gesundheitlich schwer beeinträchtigt beschrieben. Sie befand sich zu diesem Zeitpunkt in Düsseldorf in stationärer Behandlung aufgrund einer Nervenlähmung der Beine infolge einer Erkrankung des Tiefengefühls. 1945 lebte sie im Elternhaus in Angern und war in Alltagsaufgaben eingebunden.13

Irmintraut, die jüngere Schwester, war 1945 aktiv im Haushalt und landwirtschaftlichen Betrieb involviert. Sie begleitete ihren Vater regelmäßig zu kirchlichen Veranstaltungen, bei der Traubenernte sowie bei Verwaltungsangelegenheiten im Dorf. Später war sie maßgeblich an der Übertragung des Tagebuchs ihres Vaters aus der Handschrift beteiligt.14

Privatleben

  • 1971 errichtete er ein Wohnhaus in Karben-Petterweil (Hessen), wo er mit seiner Familie lebte.15
  • Er war mit Jutta von François verheiratet, der Tochter des Majors a. D. und Diplom-Chemikers Dr. phil. Götz von François und Erika, geborene Schliffer.16
  • Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Alexander Friedrich Christoph II. (*4.8.1968) und Isabella Marie Luise von Bentivegni (*2.3.1974).17

Letzte Jahre

Kuno Wilhelm Christoph Daniel Graf von der Schulenburg starb am 18. Juli 1987 im Alter von 63 Jahren in Frankfurt am Main. Die Wiedervereinigung Deutschlands und die Rückkehr seines Sohnes Alexander in die alte Heimat Angern erlebte er nicht mehr.18

Fußnoten

  1. Vgl. familiengeschichtliche Angaben in: Dietrich Werner Graf von der Schulenburg / Hans Wätjen, Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg (1237–1983), Wolfsburg 1984.
  2. Vgl. ebd.; zur Schulbildung außerdem die einschlägigen biographischen Angaben in genealogischen Handbüchern der Familie.
  3. Vgl. ebd.; zur Vertreibung im Kontext der Bodenreform siehe außerdem familieninterne Aufzeichnungen und zeitgenössische Zeugnisse.
  4. Vgl. Dietrich Werner Graf von der Schulenburg / Hans Wätjen, Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg (1237–1983), Wolfsburg 1984.
  5. Zur Zugehörigkeit zum Corps Saxonia vgl. Wolfgang von der Groeben, Verzeichnis der Mitglieder des Corps Saxonia zu Göttingen 1844 bis 2006, Düsseldorf 2006.
  6. Vgl. familienbiographische Angaben bei Dietrich Werner Graf von der Schulenburg / Hans Wätjen, Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg (1237–1983), Wolfsburg 1984.
  7. Vgl. ebd.
  8. Vgl. ebd.
  9. Vgl. die Tagebuchaufzeichnungen Sigurd-Wilhelms von der Schulenburg für das Jahr 1945.
  10. Vgl. ebd.
  11. Vgl. ebd.; zur Enteignung außerdem die Überlieferung zur Bodenreform im Umfeld des Guts Angern.
  12. Zitiert nach den Tagebuchaufzeichnungen Sigurd-Wilhelms von der Schulenburg, Eintrag zum 10. Oktober 1945.
  13. Vgl. spätere familieninterne Aufzeichnungen und die Überlieferung zu den Kindern Sigurd-Wilhelms von der Schulenburg.
  14. Vgl. ebd.
  15. Vgl. familiengeschichtliche Angaben in: Dietrich Werner Graf von der Schulenburg / Hans Wätjen, Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg (1237–1983), Wolfsburg 1984.
  16. Vgl. ebd.
  17. Vgl. ebd.
  18. Vgl. familienbiographische Angaben in genealogischen und familiengeschichtlichen Zusammenstellungen.

Literatur

  • von der Groeben, Wolfgang: Verzeichnis der Mitglieder des Corps Saxonia zu Göttingen 1844 bis 2006, Düsseldorf 2006.
  • Graf von der Schulenburg, Dietrich Werner / Wätjen, Hans: Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg (1237–1983), Wolfsburg 1984.
  • Tagebuchaufzeichnungen Sigurd-Wilhelms von der Schulenburg, 1945, private bzw. familienarchivische Überlieferung.
In jedem Jahrhundert erlebt die Familie von der Schulenburg und das Haus in Angern bedeutende Veränderungen, doch sie lassen sich nie entmutigen – immer wieder gelingt ein entschlossener Neuanfang gemäß dem Leitsatz "Halte fest was Dir vertraut". Bis 11. Jahrhundert , 12. Jahrhundert , 13. Jahrhundert , 14. Jahrhundert , 15. Jahrhundert , 16. Jahrhundert , 17. Jahrhundert , 18. Jahrhundert , 19. Jahrhundert , 20. Jahrhundert , 21. Jahrhundert .
Schloss Angern in der Altmark dokumentiert in besonderer Weise die Entwicklung adeliger Bau- und Lebensformen vom Spätmittelalter bis in das 19. Jahrhundert. Die Anlage ging aus einer um 1340 entstandenen Wasserburg hervor, wurde ab 1738 unter Christoph Daniel von der Schulenburg (1679-1763) zu einem barocken Gutsschloss ausgebaut und um 1845 unter Edo Friedrich Christoph Daniel (1816-1904) klassizistisch überformt. Hauptburginsel (Kernburg) der Burg Angern , Die Turminsel der Burg um 1350 , Vorburg der , erhaltene Tonnengewölbe im Palas , barocke Raumfolgen und klassizistische Fassadengestaltung bilden ein vielschichtiges Ensemble, in dem Wehrfunktion, gutsherrliche Repräsentation, Verwaltung und Wohnkultur räumlich ablesbar bleiben.
Die Nutzung des ab 1738 neu errichteten Herrenhauses in Angern unter General Christoph Daniel von der Schulenburg lässt sich im Kontext mitteldeutscher Adelsresidenzen des 18. Jahrhunderts als charakteristisches Beispiel barocker Gutshausarchitektur interpretieren. Das Schloss erfüllte nicht allein praktische Wohn- und Wirtschaftsaufgaben, sondern fungierte zugleich als räumlich inszenierter Ausdruck adeliger Herrschaft, sozialer Ordnung, dynastischer Erinnerung und international geprägter Hofkultur. Das General-Inventarium von 1752, angelegt auf Befehl Christoph Daniels, erlaubt eine außergewöhnlich genaue Annäherung an die innere Struktur des Hauses. Es dokumentiert nicht nur Möbel, Textilien, Gemälde, Silber, Waffen, Bücher und Hausgerät, sondern auch die funktionale Ordnung der Räume. Dadurch wird erkennbar, dass das Schloss in Bereiche der Wohnnutzung , herrschaftlichen Verwaltung , Repräsentation , Sammlungspräsentation , Hauswirtschaft und dynastischen Memorialkultur gegliedert war. Rekonstruktion des Raumes links neben dem Gartensaal um 1750
Die bauliche Umgestaltung des Herrenhauses in Angern in den Jahren um 1843 markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Nutzung und Raumordnung des Hauses. Unter den Nachfahren des Generals Christoph Daniel von der Schulenburg wurde das barocke Erscheinungsbild durch klassizistische Elemente überformt, die sich sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der Raumgliederung widerspiegeln.Es dominierte eine hell verputzte Fassade und eine vereinfachte Tür- und Fensterrahmung. Diese Elemente spiegeln die Orientierung am Ideal der "edlen Einfachheit" wider, wie sie seit Winckelmann als Leitbild klassizistischer Baukunst galt. Dieser Umbau ist im Kontext der Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts als Ausdruck einer funktionalen Anpassung und bürgerlich geprägten Repräsentationskultur zu verstehen. Der Raum links neben dem Gartensaal Anfang des 20. Jahrhunderts (KI coloriert)
Die kulturhistorische Bedeutung von Schloss und Burg Angern erschließt sich nicht allein aus einzelnen Kunstwerken, Möbeln oder Baubefunden, sondern vor allem aus dem außergewöhnlich dichten Zusammenhang zwischen Architektur, Raumstruktur, Landschaft, Nutzungsgeschichte, archivalischer Überlieferung und historischer Ausstattung. Die Anlage besitzt ihre besondere Aussagekraft gerade dadurch, dass zahlreiche dieser Ebenen bis heute miteinander in Beziehung stehen und gemeinsam ausgewertet werden können.
Ein Bau im Schatten der Mängel: Der Schlossneubau in Angern 1737–1739 als Spiegel barocker Baupraxis: Der barocke Neubau des Schlosses Angern in den Jahren 1737 bis 1739 stellt ein instruktives Beispiel für die Spannungsfelder adeliger Repräsentation, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und administrativer Kontrolle im 18. Jahrhundert dar. Die erhaltenen Berichte von Oberamtmann Croon an Christoph Daniel von der Schulenburg (Rep. H Angern Nr. 336) erlauben eine detailreiche Rekonstruktion des Baugeschehens, die sowohl Planungs- und Ausführungsmängel als auch die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen offenlegen. KI generierte Ansicht von Schloss Angern um 1750
Vom höfischen Tableau zur rationalisierten Wohnwelt: Die Wohn- und Funktionsräume des Schlosses Angern spiegeln in exemplarischer Weise den sozialen und kulturellen Wandel des Adels im langen 18. Jahrhundert wider. Zwischen dem Rokoko-inspirierten Repräsentationskonzept unter General Christoph Daniel von der Schulenburg (†1763), der verwaltungstechnisch durchrationalisierten Ordnung unter Friedrich Christoph Daniel (†1821) und dem klassizistischen Umbau unter Edo von der Schulenburg (ab 1841) lassen sich klare strukturelle und ästhetische Entwicklungslinien feststellen. Die verfügbaren Inventare von 1752 (Rep. H 76) und 1821 (Rep. H 79) sowie die bau- und kulturgeschichtliche Beschreibung um 1845 erlauben eine vergleichende Analyse der sich wandelnden Raumfunktionen.
Im Zuge der stockenden Bauarbeiten am Schloss Angern im Herbst 1737 zeichnete sich ein wachsender Finanzierungsbedarf ab, den Christoph Daniel Freiherr von der Schulenburg nicht ausschließlich aus eigenen Rücklagen decken konnte. In einem Schreiben vom 16. Oktober 1737 (Gutsarchiv Angern, Rep. H Angern Nr. 412, Nr. 2) ersuchte sein Verwalter Croon den Bauherrn um die Zuweisung von weiteren 100 Louis d’or, um ausstehende Zahlungen an Handwerker zu begleichen und Materialvorräte für den Frühjahrsbeginn 1738 anzulegen.
Angern

Angern, Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Heft 20, Berlin 2023 (ISBN: 978-3-910447-06-6).
Alexander Graf von der Schulenburg, Klaus-Henning von Krosigk, Sibylle Badstübner-Gröger.
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft e.V.
Umfang: 36 Seiten, 59 Abbildungen.