Der eigentliche corps de logis, der sogenannte Obere Saal in der bel étage, diente im Gegensatz zum Appartement Christoph Daniels im Erdgeschoss der öffentlichen Repräsentation des Hauses. Als klassischer Salle d’apparat war der Raum für Empfänge, Konzerte, Festlichkeiten und formelle Zusammenkünfte bestimmt. Mit einer Raumhöhe von etwa 4,50 Metern war der Saal architektonisch bewusst auf Großzügigkeit, Wirkung und soziale Sichtbarkeit angelegt und übertraf damit deutlich sowohl das persönliche Appartement als auch den darunterliegenden Gartensaal.
Während der Gartensaal stärker auf Geselligkeit, Tagesaufenthalt und die Verbindung zum Garten ausgerichtet war, fungierte der Obere Saal als eigentlicher Raum zeremonieller Repräsentation. Dem gegenüber stand das Appartement Christoph Daniels, das kultivierte Privatheit, kontrollierte Zugänglichkeit und persönliche Selbstdarstellung ermöglichte. Gemeinsam bildeten Gartensaal, Appartement und Oberer Saal ein klar abgestuftes System barocker Raumordnung zwischen Öffentlichkeit, gesellschaftlicher Repräsentation und privatem Rückzug.
Um 1750 verband der Saal repräsentative Pracht mit den funktionalen Anforderungen eines aristokratischen Gesellschaftsraumes. Seine Ausstattung vereinte Elemente des Hochbarock mit frühen Einflüssen des Rokoko und entsprach jener französisch geprägten Wohn- und Repräsentationskultur, die sich im mitteldeutschen Adel seit den 1730er Jahren zunehmend durchsetzte. Zentrum dieser höfisch orientierten Raumordnung war die bel étage, deren größere Raumhöhen, axialen Sichtachsen und reich ausgestatteten Innenräume gezielt auf repräsentative Wirkung angelegt waren.
Innerhalb der Raumhierarchie des Schlosses nahm der Obere Saal eine deutlich von den übrigen Interieurs abgesetzte Stellung ein. Während der im Erdgeschoss gelegene Gartensaal durch seine Öffnung zum Garten auf Kommunikation, Aufenthalt und informelle Geselligkeit ausgerichtet war, diente der Obere Saal primär der zeremoniellen Repräsentation. Auch gegenüber dem Appartement Christoph Daniels, das stärker durch Wohnlichkeit, kontrollierte Intimität und persönliche Repräsentation geprägt war, erscheint der Saal als formal überhöhter Raum aristokratischer Öffentlichkeit und dynastischer Selbstdarstellung.
Von einem schmalen Balkon eröffnete sich ein weiter Blick entlang der zentralen Gartenachse über das barocke Gartenparterre bis in die offene Landschaft. Die räumliche Verbindung von Architektur, Gartenkunst und Sichtachse entsprach zentralen Gestaltungsprinzipien des Barock, in denen Ordnung, Perspektive und die symbolische Beherrschung der Natur architektonisch inszeniert wurden.
Wandfassung und Lichtregulierung
Auffällig ist, dass im Gegensatz zum Appartement Christoph Daniels für den Oberen Saal keine textilen Wandbespannungen oder Tapeten erwähnt werden. Dieser Befund verweist wahrscheinlich auf eine grundsätzlich andere Raumfunktion. Während die privaten Wohnräume durch Damast- und Brocadellbespannungen eine vergleichsweise intime und textile Raumwirkung erzeugten, scheint der Obere Saal stärker als galerieartiger Repräsentationsraum konzipiert gewesen zu sein, dessen Wandflächen primär der Präsentation von Gemälden, Supraporten und militärischen Memorabilien dienten. Wahrscheinlich besaß der Saal daher eher helle, architektonisch gegliederte Wandflächen mit zurückhaltender spätbarocker Stuckleistenrahmung.
Die im Inventar genannten sechs Rollets von gestrichener Leinwand (2 pro Fenster) dienten vermutlich der Lichtregulierung an den beiden Fenstern und der mittigen Balkontür des Saals und unterstreichen den vergleichsweise hellen, galerieartigen Charakter des Raumes. Wahrscheinlich handelte es sich um leichte, funktionale Leinwandrollos, die Tageslicht regulierten, ohne die Wirkung der Gemäldehängung zu beeinträchtigen.
Raumwirkung und Akustik
Die große Raumhöhe, die vergleichsweise glatten Wandflächen und die dichte Gemäldehängung verliehen dem Oberen Saal eine besondere akustische und visuelle Wirkung. Im Gegensatz zu den stärker textil ausgekleideten Appartements dürfte der Raum heller und halliger gewirkt haben und war damit besonders für Empfänge, musikalische Aufführungen und größere Gesellschaften geeignet. Die Kombination aus axialer Raumordnung, hohen Wandflächen und repräsentativer Bildausstattung erzeugte jene barocke Raumwirkung, die weniger auf intime Wohnlichkeit als auf Öffentlichkeit, Sichtbarkeit und soziale Inszenierung zielte.
Bildprogramm und Galeriecharakter
Der Obere Saal war gemäß dem Generalinventar von 1752 nahezu vollständig mit Gemälden und dekorativen Bildwerken ausgestattet. Die Kombination aus Supraporten, Landschaftsgemälden, Bataillen, mythologischen Szenen, Tierstücken, Küchenstillleben und venezianischen Veduten entsprach dem zeittypischen Konzept einer aristokratischen „Galleria“. Der Raum diente damit nicht allein dekorativen Zwecken, sondern zugleich der Demonstration von Bildung, Weltläufigkeit, militärischem Rang und höfischem Geschmack.
Die Bildprogramme verbanden höfische, militärische und gelehrte Elemente miteinander. Chinoise Supraporten spiegelten die europaweite Begeisterung für exotische Dekorationsformen wider, während Bataillenbilder und militärische Kartuschen unmittelbar auf die Laufbahn Christoph Daniels verwiesen. Venezianische Veduten, Landschaftsgemälde und mythologische Szenen verdeutlichten darüber hinaus den internationalen Sammlungshorizont des Hausherrn.
Die erhaltenen venezianischen Veduten des Schlosses lassen darauf schließen, dass die Bildausstattung des Oberen Saals insgesamt deutlich schlichter gerahmt und stärker galerieartig organisiert war als in süddeutschen Rokoko-Interieurs. Die Gemälde dürften überwiegend in vergleichsweise flachen, nur leicht ornamentierten Holzrahmen präsentiert worden sein, die weniger auf plastische Wirkung als auf eine dichte und repräsentative Bildhängung zielten. Damit erscheint der Saal weniger als überladener Prunkraum denn vielmehr als aristokratischer Galerie- und Sammlungssaal norddeutsch-preußischer Prägung.
Der Obere Saal erscheint damit weniger als rein dekorativer Festsaal denn vielmehr als bewusst inszenierter Raum aristokratischer Selbstrepräsentation. Die Verbindung aus militärischen Erinnerungsstücken, internationalen Veduten, mythologischen Bildthemen und galerieartiger Hängung machte den Raum zu einer Bühne höfischer Identität, auf der Bildung, Weltläufigkeit, militärischer Rang und gesellschaftlicher Anspruch gleichermaßen sichtbar wurden.

KI-Rekonstruktion des Oberen Saals um 1750 (Bildwerke heute verschollen)

Rekonstruktion der Bildhängung
Die im Generalinventar dokumentierte Ausstattung erlaubt eine vergleichsweise präzise Rekonstruktion der ursprünglichen Bildhängung. Der Raum besaß zwei lange Wandseiten mit jeweils einer Flügeltür, eine kürzere Stirnwand mit einer weiteren Flügeltür sowie eine Fensterwand mit zwei Fenstern und einer mittig angeordneten Balkontür. Aus der Anzahl und den Formaten der genannten Supraporten und Gemälde lässt sich ableiten, dass Architektur und Bildprogramm eng aufeinander abgestimmt waren.
Die vier ovalen chinoisen Supraporten dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit über den drei Flügeltüren sowie der Balkontür angebracht gewesen sein. Die zusätzlich genannten zwei länglichen chinoisen Supraporten lassen sich plausibel den beiden Fensterachsen zuordnen. Damit bildeten die Supraporten eine einheitliche obere Bildzone, welche die Architekturgliederung des Saals aufgriff und die Wandachsen rhythmisch miteinander verband.
Unterhalb dieser oberen Dekorationszone befanden sich vermutlich die großformatigen Hauptbilder des Saals. Die beiden großen Landschaftsgemälde sowie die beiden Bataillenbilder dürften an den architektonisch hervorgehobenen Wandbereichen oder den Stirnseiten des Raumes gehangen haben. Die vier mythologisch-pastoralen Darstellungen mit Diana-, Schäfer- und Jagdszenen bildeten wahrscheinlich zusammengehörige Werkgruppen, die die langen Wandflächen rhythmisch gliederten.
Die beiden venezianischen Perspektivbilder dürften paarweise an einer der kürzeren Stirnwände angebracht gewesen sein, jeweils links und rechts der mittig angeordneten Flügeltür. Für diese Rekonstruktion sprechen sowohl die architektonische Symmetrie der Wand als auch die thematische Zusammengehörigkeit der beiden Veduten. Venezianische Perspektivbilder eigneten sich aufgrund ihrer ausgeprägten Zentralperspektive und ihres korrespondierenden Charakters besonders für eine flankierende Anordnung innerhalb barocker Raumachsen.
Die kleinformatigen Tierstücke, Küchenstillleben, Blumenbilder und kleineren Landschaften waren wahrscheinlich dichter gruppiert und teilweise mehrreihig angeordnet. Eine solche salonartige Galeriehängung entsprach dem für aristokratische Sammlungsräume des 18. Jahrhunderts typischen Erscheinungsbild. Die Wandflächen waren dabei nicht isoliert mit Einzelwerken ausgestattet, sondern nahezu vollständig mit Gemälden bedeckt, wodurch der Raum den Charakter einer repräsentativen „Galleria“ erhielt.
Kartuschen, Kriegspläne und Ordres de Bataille ergänzten die Gemäldehängung vermutlich in den Zwischenzonen der Wandflächen oder neben Türen und Hauptbildern. Sie verliehen dem Saal zusätzlich eine militärisch-repräsentative Dimension und verwiesen unmittelbar auf die Laufbahn Christoph Daniels im sardischen und preußischen Dienst.
Inventar des Oberen Saals nach dem Generalinventarium von 1752
- 4 ovale Supraporten mit chinesischen Malereien
- 2 längliche chinoise Supraporten
- 2 große Landschaftsgemälde
- 2 Bataillenbilder
- 4 mythologisch-pastorale Darstellungen mit Diana-, Schäfer- und Jagdszenen
- 2 italienische Landschaften mit zahlreichen Figuren
- 2 venezianische Perspektivbilder
- mehrere Tierstücke mit Kaninchen, Hühnern, Gänsen und Tauben
- mehrere Küchenstücke mit Fischen, Krebsen, Küchengeschirr und Jagdwild
- verschiedene Kartuschen, Kriegspläne und Ordres de Bataille
Möblierung
Die Möblierung des Saals verband repräsentative Wirkung mit gesellschaftlicher Nutzbarkeit. Zwei große Sofas, zwölf Rohrstühle, mehrere Tische sowie die gestreiften Leinwandrollos bildeten die Ausstattung eines Raumes, der gleichermaßen für Empfänge, Gespräche und gesellschaftliche Zusammenkünfte genutzt wurde. Die Möbel dürften sich stilistisch zwischen spätem Barock, Régence und frühem Rokoko bewegt haben und waren wahrscheinlich deutlich schlichter als die stark höfisch geprägten Interieurs süddeutscher Residenzen.
Besonders hervorzuheben sind die im Inventar erwähnten zwei großen Nussbaumtische mit geschnitzten Rehfüßen, die den repräsentativen Charakter des Saals unterstrichen. Die aufwendig gearbeiteten Möbelstücke verbanden höfische Eleganz mit handwerklicher Qualität und entsprachen dem gehobenen Ausstattungsniveau aristokratischer Gesellschaftsräume des mittleren 18. Jahrhunderts.
Nebenräume
Die drei Flügeltüren des Oberen Saals verbanden den Raum unmittelbar mit unterschiedlich ausgestatteten Nebenräumen und verdeutlichen seine Funktion als zentraler Verteiler- und Repräsentationsraum innerhalb der barocken Enfilade. Tür 1 führte in den Vorsaal mit mehreren Prospekt- und Perspektivstücken, Tür 2 (links) in ein mit gelben Brocadell-Tapeten ausgestattetes "Appartement links neben dem Salle d’appart" und Tür 3 (rechts) in einen Raum "rechter Hand des oberen Saals". Diese Raumabfolge zeigt eine bewusst abgestufte Dramaturgie zwischen öffentlicher Repräsentation, Galeriecharakter und privater Wohnkultur. Der Obere Saal bildete dabei den architektonischen Mittelpunkt des Ensembles und verband die unterschiedlich gestalteten Raumtypen zu einem hierarchisch gegliederten Gesamtgefüge.
Der Saal im 19. Jahrhundert
Um 1845 verlagerte sich der repräsentative Schwerpunkt des Schlosses zunehmend in das Erdgeschoss. Diese Entwicklung entsprach dem allgemeinen Wandel adeliger Wohnkultur im 19. Jahrhundert, bei dem Gesellschafts- und Empfangsräume stärker an den Eingangsbereich und die alltäglichen Bewegungsabläufe angepasst wurden. Der ehemalige Obere Saal verlor dadurch seine ursprüngliche Funktion als zentraler Repräsentationsraum und wurde schrittweise zu einem Galerieraum umgestaltet.
Teile der Ausstattung und einzelne Gemälde wurden in andere Räume des Schlosses übernommen, insbesondere in den späteren Herrensalon und das Speisezimmer. Das ursprünglich außerordentlich reiche Inventar des Saals ging jedoch infolge von Kriegen, Enteignung und der Bodenreform weitgehend verloren.